Max Himmelreich

Die wenigen Juden, die nach der Kristallnacht noch in unserer Straße wohnten, wurden in den ersten Jahren des Krieges in die Konzentrations- und Vernichtungslager verschleppt. So der Musiker aus Nummer 7 und seine Frau, das Ehepaar Bach aus Nummer 14 und ein Handelsvertreter aus dem gleichen Haus. Die Grünebaums aus Nummer 16, so erzählte man sich in der Straße, hätten, bald nachdem man ihren neunzehnjährigen Sohn holte, Selbstmord begangen.

Max Himmelreich, der als Hilfsarbeiter in der Metzgerei von Soostmann gearbeitet hatte, wurde nach Dachau gebracht. Zu unserer Überraschung kam er fünf Monate später zurück, kahlgeschoren und mit einem noch stärker gekrümmten Rücken. Warum man ihn freiließ, weiß ich nicht, das wußte er selbst auch nicht. Er zog wieder in das kleine Zimmer im Vorderhaus Hochparterre ein, das er bereits zuvor bewohnt hatte, und machte sich noch unauffälliger, als er ohnehin schon war. Im Morgengrauen verließ er das Haus und fuhr mit der Bahn nach Bad Soden im Taunus, wo er zusammen mit andern dienstverpflichteten Juden in einer Ziegelei arbeiten mußte. Spätabends kam er zurück und schlich sich in sein Zimmer. Früher, bevor er im KZ war, unterhielt er sich oft mit mir und auch mit den andern Hausbewohnern, besonders gern und lang mit Papa. Das machte er jetzt nicht mehr. Er sprach kaum noch mit jemandem, im Gegenteil, ich beobachtete einige Male, wie er im Haus und auf der Straße Mitbewohnern auswich.

Eines Abends, als er von der Arbeit kam, wäre ich auf der Treppe, die zu seinem Zimmer führte, beinahe mit ihm zusammengeprallt. Max drückte sich an die Wand, entschuldigte sich, sagte dann erleichert: »Ach, du bist es, Vau«, und wollte sich schnell an mir vorbeischieben. Er hatte die merkwürdige Angewohnheit, mich bei fast jedem Satz mit Namen zu nennen.

Ich stellte mich vor ihn: »Was haben Sie, Max, Sie reden gar nicht mehr mit mir.«

Er versuchte weiterzugehen und murmelte dabei: »Frag nicht, Vali, ich darf nicht. Laß mich.«

»Haben sie Ihnen das im KZ gesagt?«

»Ja, im KZ.« Ängstlich blickte er hinter sich, ob uns niemand beobachte, kam mit dem Kopf ganz nahe heran und flüsterte mir mit seiner rauhen Stimme ins Ohr: »Sie haben mich geschlagen, Vali.«

»Schlimm?«

»Sehr schlimm.« Er griff sich, um das Schreckliche dieses Geschehens noch deutlicher zu machen, mit beiden Händen an den Kopf, ging die wenigen Stufen hoch, zerrte den großen Schlüssel aus der Tasche und schloß schnell die Tür auf. Er winkte mich noch einmal zu sich in die Türnische, wo uns niemand sehen konnte, und sagte leise: »Nimm dich vor denen in acht, Vali!« Dabei deutete er auf die Wohnungstür, die einst in die Räume der närrischen Modistin Anna Leutze führte. Dann schloß er hinter sich die Tür.

Seit kurzem lebte dort die Familie Feist. Er war Invalide, sie ging putzen. Man munkelte im Haus, sie würden der Partei und der Gestapo alles mitteilen, was ihnen im Hause auffalle, und sie hätten auch dafür gesorgt, daß Max ins Konzentrationslager gekommen sei. Als er, für uns alle überraschend, wieder aus Dachau zurückgekommen war, hatte Frau Feist ein großes Geschrei gemacht, daß es das ganze Haus erfuhr, es falle ihr als deutscher Frau im Traum nicht ein, vor der Tür eines Dreckjuden zu putzen. Und beim turnusmäßigen Treppenputz ließ sie stets das kleine Flurstück vor Maxens Tür ungeputzt.

 

Ich mochte Max, denn er war ein gutmütiger und hilfsbereiter Mensch. Damals, als man Anna Leutze unter dem Bett hervorzerrte und in die Irrenanstalt schaffte, hatte er geweint. Auch zu uns Kindern war er immer freundlich. Er hatte mich einmal gerettet, als ich in einer sehr peinlichen Lage war.

Vor unserem Haus stand eine gußeiserne Gaslaterne. Bei etwa achtzig Zentimeter Höhe hatte sie einen kleinen Absatz, auf den man sich mit der Kante der Schuhsohle draufstellen konnte. Weiter oben war eine kurze Querstange zum Anstellen der Leiter für den Laternenputzer. Die Großen der Clique konnten auf den Absatz steigen, den Laternenpfahl hochklettern und an der Querstange herumturnen. Hatten sie genug, umklammerten sie geschickt mit den Beinen den Laternenpfahl und hangelten sich wieder nach unten.

Eines Tages fragte mich Schorschi scheinheilig: »Willst du auch mal rauf?«

»Ja, schon.«

»Ich helf dir«, sagte er, stellte sich auf den Absatz, hob mich zu sich hoch, kletterte noch ein Stück höher, und hängte mich mit einer Hand an die Querstange. »Festhalten!« kommandierte er und ließ los. Schorschi rutschte den Laternenpfähl hinunter, sagte noch einmal: »Halt dich gut fest!« Dann lief er davon.

Ich hatte Todesängste und schrie laut, denn ich konnte wohl mit den Beinen den Laternenpfahl umfassen, wie es auch die Großen machten, wagte aber nicht, eine Hand von der Querstange wegzunehmen. Da kam Max Himmelreich, in Pantoffeln und nur mit einer Hose bekleidet, aus dem Haus gestürzt und half mir hinunter, pflückte mich wie einen reifen Apfel von der Gaslaterne.

 

Einmal sprach mich Max im dunklen Hauseingang an, was er seit Monaten nicht mehr getan hatte, es schien mir sogar, als habe er auf mich gewartet.

»Kommst du einen Augenblick zu mir herein, Vali?« Er stapfte schon, ohne eine Antwort abzuwarten, die steinernen Treppen hoch, schloß auf und ging in sein Zimmer. Ich folgte ihm. Er machte kein Licht, schloß die Tür und wandte sich zu mir: »Du weißt, daß ich den Stern auch tragen muß«, und er zerrte an seinem Jackett, um mir den gelben Judenstern zu zeigen, der dort in Brusthöhe angenäht war. Seit kurzem mußten alle Juden diesen Stern tragen.

»Ihr seid doch auch Juden, Vali?« sagte Max.

»Das wissen Sie. Warum fragen Sie mich?«

»Um Gottes willen, versteh mich nicht falsch!« Max war in großer Verlegenheit. »Ich wollte dir nur sagen, daß ich Angst um euch habe.«

»Haben Sie um sich selbst keine Angst?« fragte ich.

Er winkte ab. »Wer bin ich denn, Vali? Ein alter Mann, zu nichts mehr zu gebrauchen.« Max war nicht älter als fünfzig. Er fuhr fort: »Aber ihr, Paula, du und Alex, ihr seid noch jung.« Und Max berichtete mir, immer noch im Dunkeln, daß andere Juden, die mit ihm in der Ziegelei in Bad Soden arbeiteten, erzählt hätten, es sei nicht wahr, daß die Juden, die man angeblich zur Umsiedlung nach dem Osten abtransportiere, auch wirklich umgesiedelt würden. Man schaffe sie in Lager, wo man sie umbringe. Er packte mich fest am Arm, um seinen Worten noch mehr Nachdruck zu verleihen, und beschwor mich, wir sollten schnellstens Deutschland verlassen, wenn es überhaupt noch gehe. Wir seien in großer Gefahr, und er wisse genau, daß hier mit den Juden noch viel Schlimmes passieren werde. »Geh jetzt, Vali«, sagte er, drehte sich um und ließ mich stehen.

Ein Jahr später holte die SA ihn am frühen Morgen ein zweites Mal, niemand im Haus hatte es gemerkt. Erst als einige Tage danach die Polizei die Zimmertür öffnete und man sein ärmliches Mobiliar herausschleppte, wußten wir Bescheid.

Max Himmelreich kam nicht wieder.

 

Kaiserhof Strasse 12
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